
Abschied von der „Trotzwoche“
Zum zweiten und vorerst letzten Mal hat der Bürgerverein Oßweil am 27./28. April 2024 im Hotel Huhn in Oßweil unter der Regie von Katja Rothgerber „Die Trotzwoche“ aufgeführt. Die Handlung liegt 100 Jahre zurück. Oßweil ist ein Dorf am mittleren Neckar. Jung und Alt leben gut von Industrie und Landwirtschaft. Zum 1. Dezember des Jahres 1922 hat die Gemeinde sich nach langen Verhandlungen auf eigenen Wunsch der Stadt Ludwigsburg angeschlossen. Die Gemeinderäte haben den Anlass mit den städtischen Honoratioren angemessen begossen. Sie tanzen beim Schultes begeistert um den Tisch und bejubeln eine „goldene Zukunft“.
Paul Lemberger (Thomas Unger) gibt sein Amt als Schultes auf, aber nicht ohne zu später Stunde ein paar Tränen zu vergießen. Nur ganz wenige Einwohner unter Führung von Anni Wünsch (Claudia Krieger) halten strikt daran fest, unabhängig zu bleiben.
Doch nur wenige Wochen nach dem fröhlichen Eingemeindungsfest fasst eine Gruppe um den ehemaligen Schultes den Plan, die Eingemeindung rückgängig zu machen. Warum? Die stolzen Bauern wollen ihren eigenen Bezirksnotar um jeden Preis behalten, denn „den Reigeschmeckten kammer ned traua“.
Aus Ludwigsburg schaut Oberbürgermeister Gustav Hartenstein (Walter Mugler) dem Treiben zu und verliert über dem Possenspiel nach und nach die Contenance.
Der Stuttgarter Anwalt Edmund Natter (Dieter Nägele) überzeugt den Schultes, er könne mit einer Klage vor dem Verwaltungsgerichtshof alles wieder ins Reine bringen. Anni Wünsch zahlt das Honorar und Lemberger schöpft Hoffnung: „Ond mir setzed sie noch a Denkmal!“ Hartenstein droht Lemberger mit Dienstentlassung. Der gestrenge Jungpfarrer (Felix Bätzner) maßregelt und beschimpft seine Schäfchen und der trinkfreudige Altpfarrer (Ludwig Szabo) stürmt schließlich die Kanzel. Doch am Ende − Sie ahnen es − gewinnt die Stadt.
In der Rahmenhandlung gibt es den Jugendlichen Leon (Felix Bätzner), der beim Kiffen auf einmal 100 Jahre zurücksieht und dabei das junge Paar Else und Albert kennenlernt (Sabine Wolf und Günther Klaiber). Else führt ihrem Papa Lemberger den Haushalt und weiß sich gegenüber dem Ex-Schultes sehr gut zu behaupten. Albert arbeitet, seit er 16 ist, in der Salamander-Schuhfabrik in Kornwestheim und steckt seinen üppigen Lohn am liebsten in extravagante Klamotten.
Beide lieben den Jazz, was Eugen Dockenwadel (Bernd Görlich) und Christian Eckert (Jens Herrigel) gar nicht schmeckt, denn sie sind gerade dabei, eine reine Blechblaskapelle, den Musikverein Oßweil, zu gründen. Neben Anni Wünsch gibt es noch einen Kritiker der Eingemeindung, den dichtenden Bauern Gottlob Eichert (Joachim Ebert).
Zwischen allen Fronten steht die Postbotin, die auch als Hausmädchen bei Hartensteins auftritt (Birgitta Reinicke). Am Schluss reißt Leons Kumpel (Andreas Mai) den jungen Mann per Handyanruf endlich zurück in die Gegenwart.
Die ganzen Irrungen und Wirrungen haben sich tatsächlich so zugetragen, nur wenige Figuren sind Erfindungen. Im August 2021 hatte Kai Naumann sich etwas Zeit genommen, um in den Archiven die Akten über die Eingemeindung zu sichten. Daraus ist inzwischen ein Podcast von ca.47 Minuten als (Hörbuch .mp3 oder Video .mp4) entstanden.
Aber Kai Naumann fand, daraus müsste mehr werden und startete einen öffentlichen Aufruf, den Katja Rothgerbers Mutter las. So kam eins zum anderen.
Die Stärke des Ensembles aus 13 Personen war die tolle Mischung aus erfahrenen Laiendarstellern und hochtalentierten Neulingen. Doch der Erfolgsgarant war die Regisseurin, die mit einer Co-Autorin das Theaterstück prallvoll mit großen Gefühlen schuf und sehr geduldig einübte. Das Bühnenbild, von Jochen Fleischmann gebaut und vom ganzen Ensemble mit Liebe ausgestattet, bot zu zwei Dritteln den Blick in Lembergers gute Stube, zu einem Drittel in Hartensteins städtischen Salon. Das Interieur der Halle des Kleintierzüchtervereins passte perfekt dazu. Das Publikum war ganz überwiegend einfach hingerissen.
Für Licht und Ton lieferte diesmal die Lautmacher GmbH die Ausrüstung und Hans-Peter Mayer sicherte den Betrieb. Inzwischen haben in vier Aufführungen und zwei Generalproben etwas über 500 Personen das Stück live gesehen. Das Ensemble ist stolz darauf, hat aber langsam genug von der leidigen Geschichte mit der Eingemeindung. Die Laienspielgruppe des Bürgervereins Oßweil e.V. wird aber auf die Bühne zurückkehren, so viel ist ziemlich sicher.
#Theater, #Die "Trotzwoche", #Abschied
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